„Die Angst ist schon immer mitgelaufen“

Sabrina Mockenhaupt im LSB-Interview über den Terror-Anschlag beim Boston-Marathon, die riesige Laufbegeisterung in den USA und ihre Saisonziele

2013 mocki boston paPlatz zehn in 2:30,09 Stunden. Bei ihrem ersten Marathon-Start im Ausland lief die 35-fache Deutsche Meisterin Sabrina Mockenhaupt so stark wie selten zuvor bei einem internationalen Marathon. Bis Rennkilometer 30 hatte die Vorzeige-Athletin der LG Sieg in dem Weltklassefeld sogar immer mal wieder die Nase vorne gehabt. Doch kurz nach dem Zieleinlauf war das alles erst einmal nebensächlich. Zwei Bomben hatten drei Menschen in den Tod gerissen und mehr als 180 verletzt. Im LSB-Interview spricht die 32-Jährige über ihre Eindrücke vom Boston-Marathon, über die Marathon-Begeisterung in den USA und über ihre Ziele in den nächsten anderthalb Jahren.

Frau Mockenhaupt, wie denken Sie mit dem Abstand von einigen Wochen über den Terroranschlag beim Boston-Marathon?
Naja, ich bin immer noch ein bisschen mitgenommen, muss aber natürlich sagen, dass man zu Hause schnell wieder Abstand gewonnen hat. Aber natürlich hat man die Berichterstattung extrem verfolgt. Als ich dann gehört hatte einen Tag vor dem Hamburg-Marathon, dass die Täter gefasst worden sind, war ich dann doch irgendwie erleichtert und habe dann an dem Wochenende unbeschwert mit meinem Bruder mitgefiebert. Das war auch eine schöne Veranstaltung in Hamburg, die waren dort ja auch alle in großer Besorgnis und in Alarmbereitschaft. Aber es ist zum Glück alles gut gelaufen.

Sind Sie inzwischen darüber hinweg oder läuft inzwischen bei großen Marathons künftig auch immer ein bisschen die Angst mit?
Die ist schon vorher immer mitgelaufen. Also ich habe schon immer gedacht bei so Großereignissen und Riesen-Menschenansammlungen, dass da etwas passieren kann. Und die Angst wird auch in Zukunft mitlaufen. Natürlich denke ich immer an das Gute und man ist dann überrascht, wenn so etwas passiert.

Wie beurteilen Sie den sportlichen Stellenwert von Boston für Ihre weitere Entwicklung im Marathon-Bereich?
Also mir hat Boston richtig viel Zuversicht gegeben. Erstens mal bin ich noch nie so gut durch einen Marathon gekommen. Generell muss ich sagen: Wir waren sogar als Profis nicht richtig vorbereitet auf die Strecke. Man hat das ja leider nicht im deutschen Fernsehen gesehen, wie ich gelaufen bin. Ich bin die ersten 15 Kilometer vorne gelaufen und hatte einen komplett anderen Rennverlauf erwartet. Ich bin halt von einer Überraschung in die nächste gestolpert – auch dass die Kenianer die Berge schnell hochlaufen und langsam runterlaufen. Ich bin es eher andersherum gewöhnt. Aber in so einem Weltklassefeld einmal mitzulaufen und halbwegs gut durchzukommen, dass hat mir schon viel gegeben. Aber ich weiß auch, dass ich daraus weiter lernen kann. Zum Beispiel, dass man wirklich Straße trainieren muss. Und die Zeit ist eh noch nicht bestlistenreif und deswegen muss ich dieses Jahr noch einen schnellen Marathon laufen.

Wo liegt aus Ihrer Sicht der Hauptunterschied zwischen den Marathonlaufen in den USA und in Deutschland?
Ich habe noch nie so einen stimmungsvollen Marathon wie in Boston erlebt. Ich hatte immer wieder Gänsehaut und gedacht: Hoffentlich gehen mir die Beine vor Aufregung jetzt nicht zu. Es war wirklich bis zu dem Bombenanschlag ein unbeschreiblich tolles Erlebnis. Viele schwärmen auch immer davon, wie toll es in New York sein soll. Und auf jeden Fall will ich irgendwann auch in New York den Marathon laufen. In Amerika ist noch viel größere Laufbegeisterung zu spüren – die sind wahnsinnig laufverrückt alle.

Sie werden also noch einmal einen Anlauf auf amerikanischem Boden unternehmen? Die Veranstalter vom New York-Marathon sind doch schon an Sie herangetreten, oder?
Ja, auf jeden Fall. Ich hatte sogar schon nach dem New York-Halbmarathon ein gutes Angebot. Irgendwann werde ich sicherlich den New York-Marathon laufen. Nur dieses Jahr möchte ich nochmal auf einer schnellen Strecke zeigen, was ich wirklich kann. Und da fällt die Entscheidung dann zwischen Berlin und Chicago.

Welche Vorteile hat es, einen Marathon in den USA zu laufen?
Ich habe dann viel mehr Ruhe im Vorfeld als in Deutschland. Ganz wenig Medieninteresse – was sich natürlich in Boston nachher geändert hat durch diesen Anschlag. Ich kann mich in Ruhe auf mein Rennen konzentrieren und das ist mir sehr wichtig. Wenn man sich entwickeln will auf der Marathonstrecke, sind die USA schon sehr gut, wenn man nicht so sehr im Fokus steht.

Wie lauten Ihre Saisonziele für 2013 und 2014?
Ich werde am 8. Juni beim Europa-Cup über 10.000 Meter starten und falls ich die Norm von 31:45 Minuten dort ohne Druck laufe, planen wir eventuell mit der WM über 10.000 Meter. Mein Zwischenziel 2014 sind die Europameisterschaften in Zürich. Hier will ich über die Marathon-Distanz endlich meine erste internationale Medaille gewinnen. Mein Hauptziel sind natürlich die Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro – selbstverständlich dann auch im Marathon. Wie der Anfang des Jahres bis jetzt gelaufen ist, damit bin ich sehr zufrieden.
Das Gespräch führte Michael Heinze

Weitere Infos gibt es bei: Michael Heinze.