„Auch der WM-Titel ist sicher möglich“

Raphael Holzdeppe im Bit-Interview über sein neues Leben als Profi-Sportler in der Großstadt München, seine neue Trainingsgruppe und seine Saisonziele

2013 holzdeppe f  iris hensÜberzeugend ist der Stabhochspringer Raphael Holzdeppe in die Freiluft-Saison gestartet. In Doha legte der Olympia-Dritte von London gewissermaßen eine Punktlandung hin. Mit 5,70 Meter konnte er auf den Zentimeter genau die geforderte WM-Norm für die Weltmeisterschaften in Moskau abhaken und belegte damit Platz drei im ersten Diamond League Meeting der noch jungen Saison. In Eugene/Oregon schaffte der gebürtige Kaiserslauterner ebenfalls Rang drei – mit stolzen 5,84 Metern. Im Bit-Interview vor dem ersten Freiluft-Wettkampf in Düsseldorf spricht der 23-Jährige vom LAZ Zweibrücken über den Wegzug von seiner pfälzischen Heimat, sein neues Leben in der Münchener Innenstadt, seinen Motorradführerschein und die Liste mit den Dingen, die er noch gerne erreichen will.

Herr Holzdeppe, wie haben Sie sich inzwischen in München eingelebt?
Ganz gut. Es ist wirklich schön da unten und die Trainingsgruppe ist wirklich gut – mit Fabian Schulze und Malte Mohr, die beide auch Super-Stabhochspringer sind. Und meinem neuen Trainer Chauncey Johnson. Alles in allem ist es wirklich super. Wir haben zusammen zwei Trainingslager in Südafrika absolviert. Ich fühle mich wohl, das Training läuft gut. Jetzt freue ich mich auf die Sommersaison.

Wie kann man sich das vorstellen: Wohnen Sie in einer eigenen Wohnung in der Münchener Innenstadt?
Ja, ich habe meine eigene Drei-Zimmer-Wohnung in München. Ich bin nicht so der WG-Typ, habe ich gemerkt. Ich habe gesagt, wenn ich nach München ziehe, möchte ich auch in der Innenstadt wohnen. Sonst käme es mir vor, als wenn ich von Zweibrücken in irgendein bayerisches Dorf gezogen wäre. So passt alles ganz gut, ich habe es nicht weit bis zum Training.

Was ist das denn für ein Gefühl, das erste Mal weg aus der Pfalz, weg vom Elternhaus und ganz alleine auf sich gestellt zu sein?
Na klar ist das etwas anderes. In Zweibrücken hatte ich zwar auch meine eigene Wohnung. Da war es Katzensprung, ich brauchte nur sieben Minuten, um zu meinen Eltern zu fahren. Jetzt sind es auf einmal vier Stunden oder mehr – je nach Verkehrslage. Das ist natürlich eine andere Situation. Aber alles in allem habe ich mich da von Anfang an wirklich wohlgefühlt. Ich war zwischendurch auch immer Mal wieder zu Hause, meine Eltern haben mich auch einmal in München besucht. Dementsprechend war das alles ganz okay. Im Moment bereue ich es überhaupt nicht. Ich bin wirklich froh, den Schritt weg von der Heimat in die Großstadt gemacht zu haben. Auch weil das Training, das eines der Hauptargumente war, wegzugehen, funktioniert und bei mir so anschlägt, wie ich es erhoffe.

Stimmt es, dass Sie in München auch studieren? Und wenn ja, welches Fach in welchem Semester?
Ich hatte studiert, muss ich dazu sagen. Und zwar an der Fachhochschule Ansbach Internationales Management. Aber jetzt nach Olympia waren wirklich viel zu viele Termine, die ich wahrnehmen musste und auch gerne wahrgenommen habe. Deswegen habe ich mein Studium unterbrochen bis ich wieder die notwendige Zeit dafür finde. Im Moment bin ich von Beruf Profisportler. So ist es für mich jetzt einfach angenehmer nach Hause zu kommen und nicht das Gefühl zu haben, man muss noch irgendwelche Bücher wälzen. Ich habe fünf Semester studiert – die Regelstudienzeit beträgt zehn Semester. Ich habe schon vor, dieses Studium fertig zu machen, weil es wirklich auch ein Studiengang ist, der mich interessiert. Sonst hätte ich mir die letzten fünf Semester ja auch sparen können. Aber jetzt ist es für mich das Beste, wenn ich mich erst einmal voll und ganz auf den Sport konzentrieren kann.

Wie sind Ihre Trainingsumfänge?
Momentan trainieren wir zweieinhalb Stunden eine Trainingseinheit. Montags bis freitags immer zwei Einheiten und samstags nochmal eine. Das sind dann zwischen 17 und 18 Stunden in der Woche.

Wie läuft es mit dem neuen Trainer und der neuen Trainingsgruppe?
Die Trainingsgruppe ist gut. Wir haben viel Spaß im Training und bis jetzt haben wir den Trainingsplan wirklich von A bis Z durchziehen können, wie wir uns das vorgenommen haben. Es ist wirklich angenehm, mit den Jungs zu trainieren. Einmal ist es natürlich eine andere Art von Training, weil jeder Trainer eine andere Art von Training bevorzugt. Aber es ist auch schön, einmal mit Athleten zusammentrainieren zu können, die genauso gut oder in manchen Belangen auch besser sind. Natürlich hatte ich mit der Kristina Gadschiew auch in Zweibrücken eine gute Trainingspartnerin gehabt. Aber ab einem bestimmten Zeitpunkt, ab einer gewissen Phase im Training ändert sich nun einmal der Trainingsplan von Männern und Frauen und jetzt machen wir wirklich zu 90, 95 Prozent denselben Trainingsplan.

Was macht der neue Trainer anders als Ihr alter Trainer Andrej Tiwontschik?
Er setzt ein paar andere Schwerpunkte in Sachen Anlaufgestaltung und Anlaufhaltung. Es braucht natürlich Zeit, wenn man Sachen umstellt. Deswegen kam die Hallensaison vielleicht noch ein bisschen zu früh, deswegen gab es da auch ein Auf und Ab. Weil einfach die Konstanz in dem, was wir umgestellt hatten, noch gefehlt hat. Jetzt hat sich das so langsam alles stabilisiert und für die ersten Wettkämpfe sollte alles gut funktionieren.

Was treiben Sie in München abseits des Trainingsplatzes? Können Sie die Freizeit genießen?
Die letzten Monate war ich wirklich froh, wenn ich mal zu Hause war. Ich hatte relativ viele Termine und habe nicht so viel privat gemacht. Aber jetzt, wo wieder die Sonne herauskommt, geht man gerne mit den anderen Jungs in die Stadt, erkundet auch die Stadt. Ich mache gerade auch meinen Motorradführerschein, das nimmt natürlich auch noch Zeit in Anspruch. Ein eigenes Motorrad habe ich schon. Im Moment habe ich eine Honda, da ich noch unter 24 bin – und da darf ich nur gedrosselt fahren. Aber es langt mir auch. Hauptsache, ich darf Motorrad fahren. Übrigens ziehen auch immer mehr Leute nach München, mit denen ich früher in der Schule war. Die nächsten Jahre werden also nicht langweilig werden.

Ihre Saisonziele für 2013 und 2014?
Bei der WM möchte ich unter die ersten Drei kommen. Und nächstes Jahr ist für uns Deutsche die Europameisterschaft in Zürich ja fast wie ein Heimspiel. Ich hoffe natürlich auch, da wieder vorne mitspringen zu können und vielleicht auch einmal das Ding gewinnen zu können. Auch der WM-Titel ist sicher möglich und steht natürlich auf der Liste der Dinge drauf, die ich gerne erreichen will. Aber man muss erst mal schauen, wie die Saison bis dahin verläuft, wie ich mich fühle – und was die Konkurrenz macht. Wenn ich jetzt merke, ich bin bei jedem Meeting unter den Top 3 drin, dann liebäugele ich auch gerne mit dem WM-Titel.

Das Gespräch führte Michael Heinze

Weitere Infos gibt es bei: Michael Heinze.