„Ich versuche, den anderen immer einen Schritt voraus zu sein“

Carolin Hingst im Interview über verbrauchte Gelenke, ihr Fernziel Rio und dem Traum vom eigenen Stabhochsprungmeeting

2013 carolin hingst2 f t saHinter das für sie suboptimal verlaufene Olympia-Jahr 2012 hat Carolin Hingst längst einen Haken gemacht. Inzwischen hat die 32 Jahre alte Stabhochspringerin ihre Achillessehnenprobleme im Griff („Ich mache jeden Tag Spezialübungen dafür“) und befindet sich in der Form ihres Lebens. Seit Wochen bewegt sie sich auf Weltklasseniveau. Im Interview mit SportInForm vor den Deutschen Meisterschaften am 6. Juli in Ulm hat die Athletin über ihre ungeklärte Vertragssituation, ihre berufliche Weiterentwicklung und ihr Engagement für Hilfsprojekte gesprochen.

Hey Caro, zunächst Glückwunsch zu Deinem Sieg in Göteborg mit übersprungenen 4,70 Metern. Weißt Du schon, was Du am 13. August machst?
Ich habe mir noch keine Gedanken gemacht. Ich denke zurzeit nur von Woche zu Woche. Aber ich kann mir vorstellen, dass da das Stabhochsprung-Finale bei den Weltmeisterschaften im Moskauer Olympiastadion stattfindet.

Sind auch die Olympischen Spiele 2016 in Rio ein Ziel?
Ich habe mir letztes Jahr – nachdem ich die Saison nach den Deutschen Meisterschaften vorzeitig beendet hatte – ausführlich Gedanken gemacht, ob ich meine Karriere fortsetze oder ob ich einen Haken dran mache. Ich habe eine Pause vom Sport gemacht und von Woche zu Woche kamen Ehrgeiz und Motivation wieder zurück. Im Oktober habe ich entschieden, dass ich einen weiteren Olympia-Zyklus angehe. Das ist natürlich abhängig von der Gesundheit. Ich bin jetzt 32. Knochen, Sehnen, Bänder, Gelenke – da ist alles schon ein bisschen verbraucht. Man muss im Training aufpassen, kann nicht mehr ganz so viel trainieren. Aber wenn das Jahr sich also so fortsetzt, dann will ich definitiv in Rio dabei sein.

Hat sich durch die jüngsten Erfolge irgendetwas an Deiner ungeklärten Vertragssituation mit dem USC Mainz geändert? Gibt es da eine Fortentwicklung?
Ich habe jetzt einen Vertrag bekommen, der mir eigentlich schon seit Wochen und Monaten zugeschickt werden sollte. Zwischenzeitlich habe ich wegen der ungeklärten Situation sogar gestreikt, bin in Recklinghausen bei einem Wettkampf ohne den USC-Sponsor auf dem Trikot gestartet. Ich bin einfach sauer, weil da Dinge passiert sind… Alle zwei bis drei Wochen per SMS, per Anruf, per Email habe ich mich mit dem USC in Verbindung gesetzt und gefragt: „Was ist los? Wollen wir Gespräche machen? Wie schaut es mit einem neuen Vertrag aus?“ Aber nichts ist passiert. Jetzt habe ich ein Angebot seitens des USC vorliegen – aber mit dem bin ich nicht einverstanden.

Caro Hingst – Trainerin, Managerin, Athletin alles in einer Person? Bleibt´s dabei?
Ich bin eine Person und eine Sportlerin, die sich immer neue Inputs holen möchte und versucht, den anderen immer einen Schritt voraus zu sein. Ich habe mittlerweile ein gutes Umfeld, sowohl privat, als auch sportlich und vom Medizinischen her. Es herrscht ein gegenseitiges Vertrauen und ein ständiger Austausch. So macht es mir Spaß zu arbeiten. Ob ich jetzt einen anderen Trainer habe oder ob ich meine Trainerin bin – mir geht es darum, dass es ein harmonisches Miteinander ist. Dann kann man viel erreichen.

Man munkelt, Caro Hingst geht bald unter die Eventmanager…
Das stimmt. Mein größter Traum wäre die Organisation eines Marktplatzspringens in der Mainzer City. Ich habe auch eine offizielle Befürwortung für August 2014. Wir haben jetzt ein Jahr Zeit, etwas auf die Beine zu stellen. Da ist aber natürlich immer auch ein Risiko dabei. Wenn es regnet, fällt alles flach. Meine Idee ist, erst einmal mit einem Frauen-Wettbewerb anzufangen und dann zu gucken, wie es ankommt. Ab Oktober werde ich mich ganz intensiv darum kümmern, dann haben wir noch über ein halbes Jahr Zeit.

Du bist ja nicht nur leistungssportlich unterwegs, sondern engagierst Dich auch in einem Hilfsprojekt für Sportlerinnen und Sportler in Togo. Wie läuft das genau ab?
Leichtathleten und auch andere Sportler in Togo erhalten von uns gebrauchte Sportsachen. Ob das Spikes, Laufschuhe oder Fußballschuhe sind oder Trainingsanzüge. Wir hatten auch schon Tennis- oder Badmintonschläger. Angefangen hat das alles damit, dass ich einen Ausrüster hatte und alle zwei Monate neue Schuhe bekommen habe – obwohl es die „alten“ auch noch getan hätten. Oder es ist eine neue Kollektion gekommen und wir sollten die „alten“ Trikots nicht mehr anziehen. Dann habe ich überlegt, was ich mit den Sachen machen kann. Dann habe ich einen Togolesen kennen gelernt, der 2002/2003 in Mainz an der Auslandstrainerakademie studiert hat. Er fliegt immer wieder nach Togo, macht dort auch Trainer-Ausbildungen. Da nimmt er zwei, drei Koffer mit gespendeten Sachen mit ins Flugzeug. Wir sind gerade dabei, einen Verein zu gründen, der „Sporthilfe für Togo e.V.“ heißen wird.

Ein anderes Hilfsprojekt ist die „Tour der Hoffnung“, bei der auch Ellen Wessinghage oder Guido Kratschmer dabei sind. Wie gestaltet sich hier Dein Engagement?
Also das kam alles über die Anna Dogonadze. Sie ist schon seit ein paar Jahren dabei und hat mich immer wieder darauf angesprochen. Nachdem ich im letzten Jahr wegen meiner Verletzung schon Mitte Juni die Saison beendet hatte, kam sie wieder auf mich zu und hat gefragt, ob ich mitfahren und mithelfen könne Spenden einzusammeln. Und so sind wir letztes Jahr eine ganze Woche für den guten Zweck unterwegs gewesen.

Parallel zum Leistungssport baust Du Dir gerade ein berufliches Standbein auf. Stabhochsprungtrainerin, Personal Coaching oder Ernährungsberatung – wo siehst Du Dich nach dem Ende Deiner aktiven Karriere?
Ich denke, das wird eine Mischung aus allem sein. Man muss natürlich immer alle Augen und Ohren offen halten. Wenn es irgendwo eine Festanstellung als Stabhochsprungtrainerin geben würde… Da habe ich die meisten Erfahrungen in den letzten 12 bis 15 Jahren gesammelt. Und die würde ich auch gerne weitergeben. Parallel würde ich meine Erfahrungen und Kompetenzen gerne als Personal-Trainerin weitergeben.

Was ist Dein derzeitiges Erfolgsrezept?
Ich habe mich als Mensch weiterentwickelt. Ich bin einfach gelassener als früher und setze mich selbst nicht mehr so unter Druck wie früher, als ich von Null auf Hundert ins Profigeschäft gekommen bin. Das war damals ein totaler Umbruch und einfach too much für mich – bis ich mich von Jahr zu Jahr mehr daran gewöhnt habe.
Das Gespräch führten
Christof Palm und Michael Heinze

Weitere Infos gibt es bei: Michael Heinze.